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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Institut für Slawistik und Hungarologie

Anna Bikont (Warschau)

Siegfried-Unseld-Gastprofessorin im SS 2017

 

Anna Bikont ist eine der prominentesten Journalistinnen Polens. Ihre Reportagen wurden in viele Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Französische, Tschechische, Hebräische, Italienische, Spanische und Schwedische. Die Journalistin zählt zugleich zu den Gründungsmitgliedern der renommierten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, der ersten Zeitungsgründung im demokratischen Polen 1989. Sie ist dort noch als Senior Journalist tätig – und lehrt derzeit als Professorin an der Universität Warschau.

 

Die 1954 geborene studierte Psychologin gehörte in den 1980er Jahren zur Solidarność-Bewegung. In dieser Zeit baute sie die zahlenmäßig stärkste polnische Untergrund-Zeitung Tygodnik Mazowsze auf und übernahm zwischen 1982 und 1989 deren Leitung. Anna Bikont steht mit ihren Arbeiten für die Tradition der polnischen „Journalistenschule“, die ihren Ursprung Anfang des 20. Jahrhunderts in Krakau und Lemberg hatte.

 

Für ihre Reportage Le Crime et le Silence erhielt sie 2011 den European Book Prize. Das Buch ist die französische Übersetzung der polnischen Studie „Wir aus Jedwabne“ (My z Jedwabnego, 2004), einer Rekonstruktion der Ermordung polnischer Juden durch ihre polnischen Nachbarn. Für die New York Times ist diese Studie „a beautifully written, devastating and very important book“. Bikont befasst sich mit einem 1941 an der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne verübten Pogrom – zu Zeiten der deutschen Besatzung Polens. Jahrzehntelang wurde von der alleinigen Verantwortung der deutschen Besetzer ausgegangen, indes waren auch Polen daran beteiligt. Die Aufdeckung der Wahrheit über Jedwabne führte später zu einer der wichtigsten historischen Debatten in Polen. Anna Bikonts Buch geht sehr persönlich vor, lässt Überlebende, Täter und Augenzeugen, aber auch deren Nachfahren zu Wort kommen. Dafür sammelte sie vier Jahre lang weltweit Material in Bibliotheken und Archiven, interviewte unzählige Menschen.

 

Zusammen mit Joanna Szczęsna schrieb Anna Bikont den ebenfalls mehrfach preisgekrönten Band „Die Lawine und die Steine (Lawina i kamienie,  2006), in der es um die Haltung polnischer Schriftsteller der Nachkriegszeit geht, die sich im Dunstkreist des Kommunismus bewegten. Zuletzt erschien von beiden „Erinnerungskram“ (Pamiątkowe rupiecie, 2012), eine Biographie über die polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska.

 

Bikonts Werke sind mehrfach ausgezeichnet und vielfach übersetzt worden, leider bislang nicht ins Deutsche. 2005 stand ihre Jedwabne-Reportage auf der Shortlist des polnischen NIKE-Preies; 2011 wurde die französische Version Le Crime et le Silence mit dem European Book Prize ausgezeichnet; 2015 erhielt sie für die englische Übersetzung Jedwabne: Battlefield of Memory den National Jewish Book Award und stand 2016 damit auch auf der Shortlist des Wingate Literary Prize. Fellowships führten Bikont u.a. an die New York University (NYU), die New York Public Library and in die Künstlerkolonie MacDowell Colony, New Hampshire.


Anna Bikont bot im SS 2017 für die MA-Studiengänge „Europäische Literaturen“ sowie „Kulturen Mittel- und Osteuropas“ an der Humboldt-Universität die beiden Seminare „Relations between Poles and Jews in the Era of the Holocaust. Changing Disputes und The Problem of Sources in Reporting“ und „The Credibility of Sources and the Ethical Problem of Making Use of them (Creative Writing)“ an.

Ihre Antrittsvorlesung hielt sie am 27.06.2017 zum Thema:

The Poles, the Jews and the Holocaust. How the Discussion Opened and Closed