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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Institut für Slawistik und Hungarologie

Georgi Gospodinov (Sofia)

Siegfried-Unseld-Gastprofessor im SS 2015

 


Foto: Dafinka Stoilova

 

Georgi Gospodinovs literarisches Schaffen ist genreübergreifend weit gefächert: Еs umfasst Lyrik und Prosa (Erzählungen und Romane), Essay und Drama, Kurzfilm-Drehbuch und Graphic novel sowie ein Opernlibretto. Gospodinov ist einer der meist übersetzten und weltliterarisch rezipierten Vertreter der zeitgenössischen bulgarischen Literatur.


Der Autor ist gleichfalls als Literaturwissenschaftler, Redakteur und Kolumnist tätig. Er promovierte mit einer Arbeit zum spannungsreichen Verhältnis von Poesie und Medien (Film, Radio, Reklame) und ist am Institut für Literatur der Akademie der Wissenschaften sowie als Dozent an der St.-Kliment-Ohridski-Universität Sofia aktiv. Gospodinov ist Redakteur der literaturkritischen Zeitschrift Literaturen vestnik (Literarischer Bote), die in den 1990er Jahren der postmodernen Literaturtheorie das lokale Terrain bereitete, und nimmt als Kolumnist für bulgarische Tages- und Wochenzeitungen auch zu aktuellen gesellschaftlichen Themen Stellung, etwa der politischen Protestbewegung des Jahres 2013.


In seinem lyrischen, erzählerischen und dramatischen Schaffen vereint Gospodinov hohen formalen Gestaltungswillen mit einem historisch konkreten Interesse an Individualgeschichte und Alltagskultur des Sozialismus. In Poesie wie Prosa erschließt er die Erfahrungen der bulgarischen Wendezeit mit ihren Auf- und Zusammenbrüchen, ihren kollektiven und individuellen Traumata, Melancholien und Absurditäten einem globalen Publikum mittels weltliterarischer intertextueller Bezüge. Antike Mythologie trifft Soz-Realismus. Und Kantsche Ästhetik erklärt balkanische Hirtenweisheit (oder umgekehrt).


Gospodinov greift dabei auf eine Spannbreite von Erzählverfahren zurück, zwischen facettenreicher Zersplitterung, labyrinthischer Desorientierung oder zyklischer Wiederholung. Sein erster und auf Anhieb international erfolgreicher Natürlicher Roman (1999, deutsche Übersetzung 2007, Droschl Literaturverlag) ist aus der Perspektive eines Fliegenauges geschrieben. In seinem Theaterstück Die Apokalypse kommt um 6 Uhr abends (2006, deutsche Übersetzung 2012) lässt der Autor seine Figuren einen mittelalterlichen Totentanz aufführen. Sein neuestes Buch Physik der Schwermut (2011, deutsche Übersetzung 2014, Droschl) ist nach dem Prinzip eines Labyrinths gebaut. Für diese so „komplexe wie komische ‚Teilchenphysik der Trauer’“ (Andreas Breitenstein in der NZZ) wurden der Autor und sein Übersetzer Andreas Sitzmann für den BRÜCKE BERLIN-Preis und den Internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt 2014 nominiert.


Georgi Gospodinovs Werke sind vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden, darunter neben dem Englischen, Französischen oder Italienischen auch in das Albanische, Litauische oder Isländische. Seine Lyrik ist in deutscher Sprache in einer best-of-Anthologie zugänglich (Kleines morgendliches Verbrechen, 2010, Droschl).


Der Autor war Gast des Berliner Künstlerprogramms DAAD (2008/2009) und des Wissenschaftskollegs zu Berlin (2012).


Georgi Gospodinov bot im SS 2015 für die MA-Studiengänge „Europäische Literaturen“, „Kulturen Mittel- und Osteuropas“ und „Slawische Literaturen“ an der Humboldt-Universität die beiden Seminare Childhood, Literature, Ideology und Creative Writing and Empathy an.

 

Seine Antrittsvorlesung hielt Gospodinov am 03.06.2015 zum Thema

Storytelling, Memory and Empathy
 
Zum Inhalt der Antrittsvorlesung:

What can literature do in times of crisis? Can it serve as a time capsule and survival kit in times of empathy deficit and exhaustion of meaning? Personal stories and history with a capital "H." Memory of the perishable and evanescent; new dimensions of empathy - political, environmental… A Europe of empathy - is it possible?